Stadtentwicklung

„Wir haben nicht nur eine Krise, sondern auch viele Gelegenheiten.“

Die Innenstadt krankt. Immer weniger Menschen kommen in die City, um einzukaufen oder auch einfach nur um dort Zeit zu verbringen. Die Krise der Bremer Innenstadt ist keine Krise des Einzelhandels, sondern vor allem eine Krise einer Monokultur. Der Onlinehandel und das veränderte Einkaufsverhalten erschweren den Handel vor Ort. Auch die Aufenthaltsqualität einer City steht nicht erst seit Corona im Brennpunkt vieler Großstädte. Wie kann die Einkaufsstraße wieder aufgewertet und dadurch gerettet werden? Und wer könnte eine Rolle in der Bremer Innenstadt spielen?

Damit beschäftigen sich die Bremer GRÜNEN aktuell in zwei Podiumsdiskussionen. Anlass dafür war ein offener Brief der grünen Bürgerschaftsfraktion an das Aktionsbündnis Bremer Innenstadt, in dem sich verschiedene Akteur*innen aus innerstädtischer Wirtschaft und Architektur versammelt haben. Bereits die erste Online-Diskussion zeigte das enorme Interesse der Stadtgesellschaft an der Thematik. Nahezu 100 Teilnehmer*innen verfolgten am Mittwochabend die Gesprächsrunde mit Robert Bücking (Abgeordneter der Grünen-Fraktion), Ulli Barde (SPORTGARTEN e.V.) und Andreas Friedrich (Drittel Bar/Defibrillator) sowie Renate Heitmann, (bremer shakespeare company) und Heike Scholz (ZUKUNFT DES EINKAUFENS/Hamburg).

„Die Innenstadt hat für uns eine besondere Bedeutung. Wir wollen aus der Innenstadt eine Initialzündung und den Propeller der Verkehrsänderung machen“, leitet Florian Pfeffer, Vorstandssprecher von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Bremen, in den Abend ein. „Die Innenstadt ist die Herzkammer der Stadt. An ihr kann man sehen, wie es einer Stadt geht.“ Die Krise sei in erster Linie eine Krise einer Monokultur, die wir angelegt hätten. „Es muss ein inklusiverer Raum werden“, davon ist Pfeffer überzeugt. Darin liege vielleicht der Schlüssel zur Rettung, das zeigte auch die anschließende Diskussion.

Von unterschiedlichen Perspektiven und gleichen Visionen

Anna Kreuzer moderierte die Diskussion und betonte ebenfalls, dass es vor allem darum ginge, mehr zusammen zudenken und mehr ins Gespräch zu kommen. „Wir haben es mit einer Identitätskrise der Innenstadt zu tun, nicht nur in Bremen. Vielleicht steckt in der Krise auch eine Chance, die Innenstadt neu zu denken und neu zu erfinden“, so die Kreisvorstandssprecherin der GRÜNEN Mitte/Östliche Vorstadt und Sprecherin der LAG Stadt- und Regionalentwicklung.

Renate Heitmann ist überzeugt davon, dass die Innenstadt ein Ort sein müsse, wo man sich gerne aufhält. Es müsse ein Ort sein, wo man was erleben kann, zum Beispiel durch die Ansammlung von Galerien. Auch Straßentheater oder Sportangebote seien sicherlich Möglichkeiten, die Menschen in die Innenstädte zu ziehen. Welche konkreten Impulse notwendig wären, das müsse man herausfinden. Es gebe sicherlich Städte, von denen wir lernen können. „Wir sind Lernende in diesem Prozess. Wir müssen die Perspektiven wechseln und mit Akteuren zusammenkommen, mit denen wir vorher nicht zusammen gekommen sind“, so das Mitglied der Theaterleitung der bremer shakespeare company. „Wir haben nicht nur eine Krise, sondern auch viele Gelegenheiten.“

Dieses Erleben müsse auch nach Ladenschluss in der Innenstadt möglich sein, ergänzt Ulli Barde. Er könne sich unter anderem temporäre als auch stationäre Bewegungsräume vorstellen. Diese müssten natürlich attraktiv und mit einem entsprechenden Konzept sein. Bei einer möglichen Umsetzung sei es wichtig, den organisierten sowie den nicht-organisierten Sport mit einzubinden.

„Denn die Innenstadt ist für alle da und muss auch andere Stadtteile erreichen“, so der Leiter des Sportgartens. Man könne Lauf- oder Skatemöglichkeiten etablieren oder eine Eiskunstfläche vor dem Überseemuseum, um auch jüngere Menschen einzubinden. Barde bemängelt, dass immer die Rede von einem „Aktionsprogramm“ sei. Immerhin handle es sich um ein Vorhaben, dass man über viele Jahre hinaus mitdenken müsse. Es müsse ein Plan hinter dem Plan geben, sprich eine Langzeitperspektive. Dabei sei es enorm wichtig, dass die unterschiedlichen Bereiche im regelmäßigen Austausch stünden, sodass gewährleistet sei, dass man nicht „nebeneinander her aktioniert“.

Von einer anderen Perspektive berichtet Andreas Friedrich von der Drittel Bar/Defibrillator. Die Idee von ihm und seinem Geschäftspartner war quasi aus der Not heraus geboren. Mit der Drittel Bar wollten sie mehr Diversität in die Neustadt bringen. Das Angebot umfasste Partys, Kultur, Lesungen und Gastronomie. Mit der Corona-Pandemie musste eine neue Innovation her, aus der Bar wurde ein Second-Hand-Laden. Die Innenstadt sei nicht primär der Ort, wo sie vertreten sein könnten, da dort ihre Zielgruppe nicht vertreten sei und die Mieten auch viel zu hoch seien, so Friedrich. Neben den vielen etablierten Akteur*innen müsse die Innenstadt auch ein Raum zum Ausprobieren sein.

Pariser Innenstadt-Projekt gegen Verödung als Vorbild

Heike Scholz bringt es auf den Punkt: „Wir brauchen Multiuse-Konzepte. Die Menschen gehen nicht mehr nur zum Shoppen in die Innenstadt, sondern sie leben dort und wollen sich dort aufhalten. Wir müssen uns davon lösen, dass die Innenstädte so handelslastig wie früher in der Zukunft nicht mehr sein werden.“ Das sei auch gut so und eine tolle neue Struktur. Das habe auch nichts mit einer Krise zu tun. Natürlich gebe es Reibungsverluste durch die Transformation zu etwas Neuem. Und natürlich können Handelsflächen verloren gehen. Dennoch müsse man etwas anderes bieten, damit die Leute in die Städte kommen. „Um Versorgungskäufe geht es nicht mehr, sondern darum Erlebnisse zu schaffen. Es braucht Kooperationen, Zusammenarbeit und Konzepte, die tragfähig sind und nicht nur wirtschaftlich. Für alle muss was drin sein, im bunten Köcher“, so die anerkannte Speakerin und Geekette, die mehrfach unter die Top 100 der Internetköpfe Deutschlands gewählt wurde. Als Technologie- und Handelsexpertin mit langjährigen Erfahrungen als Strategieberaterin unterstützt die Diplom-Kauffrau den Handel, seinen Weg in Zeiten der Digitalisierung zu finden. Die Innenstadt müsse eine Art dritter Ort werden, wo man sich gerne aufhält und nicht nur um was einzukaufen.

Alles, was mit Regionalität und Nachhaltigkeit zu tun habe, sei stark im Kommen, betont Scholz die Idee des Second-Hand-Ladens. Das könne auch eine Chance sein, darüber nachzudenken, wer bin ich eigentlich, wer ist die Stadt und was wird hier eigentlich verkauft? Muss das immer die Ware aus Fernost sein oder vielleicht Manufakturen die zurück in die Städte kommen, in denen man staunen kann.

Scholz verweist auch auf das Pariser Innenstadt-Konzept Semaest für den Erhalt des stationären Einzelhandels. Damit es kein Aussterben der romantischen Viertel und des Einzelhandels gibt, hat die Wirtschaftsförderung Paris in Kombination mit dem Stadtrat diesen Aktionsplan veranlasst. Unter anderem nutzt die Institution die finanziellen Mittel, um verlassene Geschäfte aufzukaufen und weiter zu verpachten. Damit wird auch jungen Konzepten eine Chance gegeben.

Zur Innenstadt-Entwicklung gehört ein verändertes Verkehrskonzept

Zur Entwicklung der Innenstadt gehöre natürlich auch ein verändertes Mobilitätskonzept. „Wir fühlen uns nicht wohl, wenn an uns ständig Autos vorbei donnern. Das hat keine Aufenthaltsqualität, wenn wir an einer stark befahrenen Straße in einem Café sitzen. Auch wenn immer gesagt wird, dass durch fehlende Autos auch keine Kaufkraft mehr kommt, profitieren Innenstädte davon“, so Scholz. Natürlich müsse es dann andere Verkehrskonzepte geben, die bequem und sauber seien. Auf volle Ladenregale komme es ebenfalls nicht an, da es online alles gebe. Fachwissen und Beratung vor Ort müsse man als Stärke des Handels in den Innenstädten betrachten.

„Vielleicht muss man Analysen und Wünsche weiterdenken“, versucht Robert Bücking, baupolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, eine Brücke zu allen Argumenten zu schlagen. „Es ist ein Umbruch über einen langen Zeitraum und eine Reise ins Unbekannte. Es ist ein Experimentieren, Auszuprobieren und auch Scheitern und Triumphieren.“

Zum Abschluss fassen die Podiumsteilnehmer*innen die ausgetauschten Argumente noch einmal zusammen. Was wäre das Schönste für eine Innenstadt: Leben, Diversität, Möglichkeiten zum Essen gehen, Kulturerlebnisse, Tanzmöglichkeiten, einen Ort der pulsiert, an dem man lacht und sich wohlfühlt. Heute eine Vision, morgen vielleicht schon Realität.

Zweite Podiumsdiskussion mit Teilnehmer*innen des Akionsbündnisses Innenstadt

Eine weitere spannende Podiumsdiskussion zur Transformation der Bremer Innestadt mit Akteur*innen des Aktionsbündnisses Innenstadt findet am 3. März statt. Weitere Informationen zur kostenlosen Teilnahme finden Sie hier.

Neuste Artikel

Grüne: Wirksame Notbremse sieht anders aus

Wirtschaft

Grüne fordern ehrliche Debatte über Ausrichtung des Flughafens

Bildungspolitik

Oberverwaltungsgericht bestätigt Testpflicht an Schulen

Ähnliche Artikel