Klimapolitik

Kristina Kötterheinrich: Was es braucht auf Bremer Ebene für 1,5 Grad

Wir Grünen fordern vehement die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels und auch, dass sich Bremen im Rahmen seiner Möglichkeiten daran beteiligt. Doch wir alle sind auch daran gewöhnt, in kleinen Schritten im Rahmen dessen, was uns realpolitisch möglich erscheint, voranzudenken: Erst der Kohleausstieg. Dann ein Bewohner*innenparksystem, was Fremdparker*innen verbannt, aber Bewohner*innen ihr Fahrzeug lässt. Und vielleicht die Reduzierung des Fleischkonsums in öffentlichen Kantinen auf zwei Mal die Woche. Auch wenn das alles natürlich schon sehr gut ist, ist es sicher nicht annähernd genug für 1,5 Grad.

Das stellt das von SKUMS in Auftrag gegebene Gutachten „Ergänzende Untersuchung Energie- und Klimaschutzszenarien 2030 für das Land Bremen“ fest. 1,5 Grad bedeutet, dass wir in den nächsten 9 Jahren 57 % unserer CO2-Emissionen im Land Bremen im Vergleich zu 2017 einsparen (80 % sollen es insgesamt sein, von 1990 bis 2030). 57 % – das sind nicht ein paar einfach zu erreichende CO2-Minderungen wie der Kohleausstieg und die Solarpflicht. Für 57 % müssen wir auch die harten Brocken anfassen.

Und welche Brocken sind das?

  • Das Gutachten geht davon aus, dass bis 2030 70-100% aller Gebiete, die eine hohe oder sehr hohe Wärmedichte haben, also so gut wie alle innenstadtnahen Bereiche, an die Fernwärme angeschlossen werden. Im Vergleich zu heute ist das eine Steigerung um bis zu 100 %. Das bedeutet ein Leitungsausbau in vielen Straßen, also Baustellen und ggf. Baumfällungen, und große Investitionssummen.
  • Die Fernwärme muss bis 2030 fast ausschließlich auf Erneuerbaren Energien, Abwärme und Müllverbrennung beruhen. Das neue Erdgas-BHKW muss damit bis 2030 abgeschaltet oder auf erneuerbares Gas umgestellt werden, wobei hier die Ressourcen wie grüner Wasserstoff sehr knapp sind.
  • Die Sanierungsquote muss von jetzt wahrscheinlich ca. 1 % auf 2,6 bis 6,9 % steigen. Eine Sanierungsrate über 2,6 % ist wahrscheinlich technisch mit den vorhandenen Handwerker*innen nicht machbar. Umso mehr muss an anderer Stelle passieren. Selbst bei 2,6 % werden 2030 ca. ein Viertel aller Bestandsgebäude eine neue Fassade bekommen.
  • Gas- und Ölheizungen müssen sobald sie kaputt gehen, ab sofort gegen erneuerbare Lösungen, insbesondere Wärmepumpen und Fernwärme getauscht werden.
  • Um den Energieverbrauch zu senken, muss die durchschnittliche Wohnfläche bei Neubauten pro Kopf von ca. 43 qm auf 35-40 qm sinken.
  • Und vielleicht am interessantesten: Die gefahrenen Kilometer von PkWs müssen sich um 20 – 55 % reduzieren. Wobei mir hier angesichts der anderen Annahmen (z.B. Sanierungsquote) ein Prozentsatz nahe der 50 notwendig erscheint.

Und obwohl wir damit am besten schon gestern hätten anfangen müssen, wird keine dieser Zahlen mit dem erreicht, was bereits in unserem Koalitionsvertrag steht. Selbst die benötigte Unterstützung auf Bundesebene wird schwierig zu erlangen. Das Gutachten geht bereits davon aus, dass der Strom in Deutschland durch 90 % EE-Anteil gewonnen wird – das ist nur mit einem Kohleausstieg 2030 und erheblichen Ausbauzahlen für Erneuerbare möglich. Selbst die Agora-Studien zum klimaneutralen Deutschland gehen für 2030 noch von dreimal so hohen CO2-Emissionen im Stromsektor aus.

Für mich ergeben sich daraus drei wesentliche Erkenntnisse: 1. Die meisten dieser Klimaschutzmaßnahmen sind unpopulär. Setzen wir sie jetzt nicht um aus Rücksicht auf potenzielle Wähler*innen, wird uns die Zielverfehlung spätestens in der übernächsten Bürgerschaftswahl wahrscheinlich auf die Füße fallen. Umso mehr der Klimawandel in Deutschland spürbar wird und umso stärker die jüngere Generation ihre Rechte einfordert, umso mehr werden auch die Verzögerungen in der Klimapolitik kritisiert werden. 2. Wir können nicht nur mit einem Auge nebenbei Klimaschutz machen, sondern wir müssen alle Bereiche darauf ausrichten. 3. Es ergibt sich eine gewaltige Lücke zwischen dem, was wir gesellschaftlich für umsetzbar halten, und dem, was wir erreichen müssen. Ich denke, umso mutiger unsere ersten Schritte werden, umso eher überzeugen wir auch Menschen mitzumachen. Meine Eltern lehnten Homeoffice vor der Pandemie grundsätzlich ab. Nun bleiben sie freiwillig 2 Tage die Woche zu Hause. Und auch Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris, wurde mit einem radikalen Wahlprogramm ins Amt gewählt.

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