Diskussion

Carsten von Wissel: „Coronazahlen in Bremer Stadtteilen vorhersehbar“

Corona in den Stadtteilen. Wie Bremen einmal mehr streitet

Lange hat sich die Bremer Regierungspolitik dagegen gesperrt, Coronazahlen nach Stadtteilen aufgeschlüsselt zu veröffentlichen. Nun gibt es doch eine Aufschlüsselung nach Postleitzahlen – und was dabei herauskam, ist so überraschungsfrei wie vorhersehbar. Die Zahlen sind da am höchsten, wo die Probleme ohnehin kulminieren. Für den üblichen Streit sorgt das Ergebnis sogleich: So twittert CDU-Mann Heiko Strohmann, der sich gern als Gröpelinger Junge zu inszenieren scheint, Ursache sei nicht Armut, sondern „Kulturkreis“. Eine Aussage, die aus guten Gründen kritisiert wird, dies vielfach in einem hohen Grad an Polarisierung. Völkische Denke etwa attestiert Kai Wargalla dem CDU-Abgeordneten und kann sich dabei auf Stimmen aus der sozialwissenschaftlichen Community stützen, die es – wie sie – für ausgeschlossen halten, dass kulturelle Faktoren in der Coronalage einen Ausschlag geben. Währenddessen verkündet die Gesundheitssenatorin nicht die kulturellen Unterschiede seien für den Schlamassel verantwortlich, sondern der Kapitalismus. Und ihr Sprecher Lukas Fuhrmann sekundiert mit ähnlich sicherem Gespür für das politisch Bequeme, dass man doch schon richtig viel gemacht habe. Mit anderen Worten, alles ist gut, niemand verantwortlich und fleißig war man doch auch. Nur warum hinterlässt sowohl Ergebnis als auch Debatte ein so schales Gefühl? Hätte es wirklich nichts gegeben, was eine Gesundheitssenatorin hätte anders machen können und ist solch eine kitschige Polarisierung, wie wir sie jetzt wieder sehen, tatsächlich nötig und hilfreich? Ist es sicher, dass kulturelle Gewohnheiten keine Rolle spielen bei der Ungleichheit der Ausbreitung des Virus und ist soziale Ungleichheit tatsächlich die einzig mögliche Erklärung für das, was man da sehen muss?

Wenig überraschend ist, wie sofort die zwei ehernen Grundsätze des Bremer Politikbetriebs einrasten: Verantwortlich sind nicht wir, sondern eine fremde Macht (diesmal der Kapitalismus) und „wir haben doch schon alles, jedenfalls ganz viel, gemacht“. Ermüdend ist, wie die Pandemie wieder nur als Gelegenheit bemüht wird, das ewig gleiche Stück von den Guten hier und den anderen nicht Guten aufzuführen. Zuhören, überlegen, ob die anderen nicht vielleicht doch einen Punkt haben könnten, ist mal wieder, wie es scheint, keine Option. Währenddessen spiralen in Bremen die Coronazahlen durch die Decke, aber hey, wenigsten hat man die Gelegenheit, es der Gegenseite mal so richtig zu zeigen, nicht verstreichen lassen.

Aus stadtsoziologischer Sicht erinnert der Streit an die Auseinandersetzung zwischen ungleichheitssoziologisch Denkenden und denen, die eine Eigenlogik von Städten als mindestens gleichermaßen relevanten Faktor sehen, wenn man Erklärungen dafür finden will, warum und worin sich Städte unterscheiden. Parallel zu diesem Streit schlagen sich die von den Bremer Medien befragten Politikwissenschaftler*innen Yasemin Karakosoglu und Andreas Klee umstandslos auf die Seite der sozialstrukturellen Faktoren, als ginge es um ein eindeutiges Entweder-Oder. Aber selbst die städtische Eigenlogik bezieht sich ja nicht eindeutig auf nur Kulturalistisches, es können da, wenn es um Städte oder eben Stadtteile geht, auch durchaus harte, in Beton gegossene Fakten einfließen. Was machen die Leute in den Stadtteilen, wie kommen sie zur Arbeit, haben sie große oder kleine Wohnungen, haben sie eigene Hauseingänge oder benutzen sie Hauseingänge mit hunderten anderen? Ja und auch, wie man miteinander umgeht, wie man feiert und wie man sich auf Staat und Gesellschaft bezieht. Wer hierher zugewandert ist, aus Regionen, in denen ein zugewandter, intelligent und anteilnehmend entscheidender Staat eher Ausnahme denn Regel ist, wird aus nachvollziehbaren Gründen ein distanzierteres Verhältnis zu Gesetzen und Verordnungen entwickelt haben, als jemand zum Beispiel aus Skandinavien. All das prägt Soziales und Kultur, insofern wäre es in einer Coronakrise nicht überraschend, wenn sich in Stadtteilen, in denen viele leben, die aus solchen Regionen zugewandert sind, soziale Gewohnheiten verfestigen sollten, die sich von behördlichen Verordnungen nicht so recht tangieren lassen.

Darüber muss man reden, mit den richtigen Adressat*innen, auch streiten, aber sich gegenseitig alt bekannte Gegensätzlichkeiten um die Ohren zu schlagen, ist so hilf- wie sinnlos. Es erzeugt wenig mehr als eine Verkitschung von Politik, nicht weil hier irgendwelchen Sentimentalitäten Raum eingeräumt würde, sondern weil falsche Eindeutigkeit suggeriert wird, wo es keine gibt. Es hilft nicht, vertrackte Problemlagen (im politikwissenschaftlichen Deutschenglisch spricht man von Wicked Problems) in vermeintlicher Eindeutigkeit aufheben zu wollen. Kein einziges Problem löst man damit und wer will schon Politik, die mehr Teil der Probleme als der Lösungen ist? So wenig, wie Kultur ausschließlich für unterschiedliche Coronazahlen verantwortlich ist, ist dies soziale Ungleichheit ausschließlich. Anders ließe es sich nicht erklären, warum es in den deutschen Verhältnissen nicht allzu unähnlichen Land Belgien nötig war, darüber zu sprechen, dass die Anzahl beruflich veranlasster Knuffelkontakte begrenzt werden müsse. In Deutschland, erst recht in Norddeutschland gibt es keinerlei Notwendigkeit, so etwas nahezulegen, weil hier, was Indigene betrifft, ohnehin sparsamer mit körperlicher Nähe umgegangen wird. Wir sollten lernen, so etwas zu sehen und lernen, in Bezug auf solche Nuancen sprechfähig zu werden. Ein Schwarz-Weiß-Blick, der entweder nur Sozialstruktur oder nur Kultur am Werk sieht, ist dabei nicht hilfreich.

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