Stadtentwicklung

Silvia Schön und Florian Kommer: Warum gehst du in die Innenstadt?

… oder auch nicht? Was muss sich ändern, damit du die Innenstadt besuchst? Unter diesen Fragestellungen fand Anfang Juli ein grüner Innenstadtgipfel statt. Nach lebhafter Diskussion wurde eine digitale Meinungswolke gebildet, die nun von uns ausgewertet wurde.

Überragender Grund, weshalb wir nicht in die Innenstadt gehen, wurde mit einem Wort beschrieben: öde!

Dabei wurden durchaus Potentiale gesehen:
Der Weihnachtsmarkt wurde hochgerankt. Kultur, dem historischen Stadtbild und die Innenstadt als Arbeitsort wurden eine hohe Bedeutung beigemessen. Die Schlachte, der Schnoor, der Marktplatz und die Böttcherstraße gehören damit zu den Potentialen der Innenstadt

Dann ging es an die Baustellen. Das alles überragende Anliegen war: mehr Aufenthaltsqualität. Dies ließ sich in folgende Begriffe weiter aufteilen: mehr grün, weniger Kommerz, mehr Plätze, mehr Spannung! Einkaufen gehörte jedenfalls nicht dazu. Im Gegenteil! Mehrfach wurde geäußert: In meinem Stadtteil bekomme ich alles, was ich benötige. Es gibt keinen Grund, dafür in die Innenstadt zu gehen. Heißt übersetzt: Nicht die Innenstadt stirbt, sondern das Geschäftsmodell der vergangenen 70 Jahre von Sögestraße, Obernstraße und Domshof. Aus Elternsicht ist die Innenstadt ein Alptraum. Kein Wickeltisch (außer bei Karstadt) und nur ein armseliger Spielplatz. Dann doch lieber gleich ins Spieleparadies eines schwedischen Möbelhauses, um einen geruhsamen Einkauf zu erledigen. Bänke, Toiletten; alles weiche Standortfaktoren für Aufenthaltsqualität – von den Teilnehmenden gewünscht – in der Innenstadt aber Fehlanzeige.

Die hochideologische Aufbrezelung „Ist die Innenstadt erreichbar?“ spielte in unserem grünen Innenstadtgipfel keine Rolle. Warum auch! Wenn ich dort nichts finde, was ich suche, muss ich dort nicht hinfahren – egal wie gut oder schlecht erreichbar. Im Ernst: die Frage stellt sich so oder so nicht. Rund 3.400 Parkhausplätze unterhält die BrePark allein zwischen Dom und Brill. 11 Straßenbahn- und Buslinien passieren den gleichen Bereich. Auf die To-Do-Liste gehört die zu klein dimensionierte Fahrradinfrastruktur – insbesondere an der Domsheide, dem Domshof und in der Bischofsnadel sowie die fehlenden Fahrradabstellflächen.

Was also tun, damit wir wieder mehr Gefallen an unserer Innenstadt gewinnen? Wir sind der Auffassung, dass die Barrierewirkungen der Martinistraße und des Walls geschleift werden müssen. In den Wallanlagen und an der Weser mit der Schlachte gibt es viel Grün und Aufenthaltsqualität. Sie müssen durch weniger Verkehr, gute Wegebeziehungen und mehr Durchlässigkeit näher an die Innenstadt gerückt werden.

Warum nicht rund um den Domshof und in der Innenstadt den Markt und die Geschäfte am Sonntag zeitlich begrenzt öffnen? Im Schnoor und in der Böttcherstraße ist das heute schon der Fall. Was spricht dagegen, nach dem Kirchgang noch eine Zeit auf dem Domshof zu verweilen und mit anderen ins Gespräch zu kommen? Oder wenn das Angebot stimmt, auch einkaufen zu gehen, anstatt die Einkäufe vom Sofa digital zu tätigen. Selbstverständlich müssen Arbeitnehmer:innen mit den entsprechenden Zuschlägen bezahlt werden. Andere Branchen zeigen, dass diese Zuschläge auch eine gewisse Attraktivität haben können. Und natürlich besteht hier im Interesse der Arbeitnehmer:innen Regelungsbedarf. Diese Idee sollte sehr gewissenhaft mit Kirchen und Gewerkschaften erörtert werden.

Es gibt sicher viele Ideen, wie mehr Aufenthaltsqualität in die Innenstadt gebracht werden kann und „die“ Politik einen Beitrag leisten kann. Was sie definitiv nicht kann, ist in Immobilen, die ihr nicht gehören, ein attraktives Konsumangebot bereitzuhalten. Das müssen die Immobilienbesitzer:innen und die Einzelhändler:innen resp. Ketten schon selber machen. Dieses Drama können nur sie selber lösen – je schneller, desto besser. Mit dem Finger auf „die“ Politik zu zeigen, verlängert nur ihr Drama. Und wer glaubt, die Innenstadt nur mit Einzelhandel zu retten, der wird die Innenstadt nicht retten.

Wir fragen euch: Was muss sich für euch ändern, damit ihr in die Innenstadt geht? Welche Ideen habt ihr dafür? Schreibt einen Kommentar! Schreibt uns!

Und zum Schluss: Am 19.10.2021 ist die Strategie Centrum Bremen 2030+ im Senat verabschiedet worden. Diese Strategie stellt aus unserer Sicht einen guten Gestaltungsrahmen für die Innenstadt dar, der nun mit Leben gefüllt werden muss. Es ist gut, dass sich die Senatsressorts für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau sowie Wirtschaft, Arbeit und Europa gemeinsam mit der Handelskammer Bremen auf eine gemeinsame Blickrichtung verständigt haben. Es ist gut, dass darin ein Pflock für Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Aufenthaltsqualität eingeschlagen wurde. Es ist gut, dass darin Wohnen, Innovationen und Kreativität eine wichtige Rolle spielen. Und es ist gut, dass die Immobilienbesitzer:innen in die Pflicht genommen werden sollen. Jetzt ist es an uns, diese Strategie mit Leben zu füllen. Das Strategiepapier findet ihr hier.

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