Wissenschaftspolitik

Carsten von Wissel: Eine Stadt für Hanna?

Als man im BMBF, dem überwiegend in Bonn gelegenen Bundesministerium für Bildung und Forschung, vor drei Jahren ein kleines Zeichentrickvideo auf der Homepage postete, hat sich sicherlich niemand dort ausgemalt, welche Aufmerksamkeit das Filmchen im spätcoronaren Sommer 2021 noch einmal auf sich ziehen würde. Das Video zeigt eine vor einem Mikroskop sitzende weißbekittelte schwarzbebrillte Frau, besagte Hanna. Es wird erklärt, in recht einfach gehaltenen Worten, dass man sie „leider“ nur auf Zeitverträgen beschäftigen könnte, weil nur so ein Verstopfen der Berufsperspektiven nachkommender Generationen und ein Versiegen gesellschaftlicher Innovation abgewendet werden könne.

Nach „a certain degree of flexibility”, auch so ein etwas berüchtigt gewordenes Kampagnenlabel der Ideenschmiede in den Bonner Rheinauen aus dem Dezember 2020, wurde aus diesem kleinen Video ein veritabler Sommerhit, diesmal halt mit einer Produktion aus dem Backkatalog. In beiden Filmchen ging es darum, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG), ein den Wissenschaftsbereich betreffendes Sonderbefristungsrecht, zu bewerben. Entdeckt wurde das Video durch Zufall und schlug ein, als sei es eigens für den Zweck, eine Socialmedia-Kampagne zu lancieren, produziert worden. Hunderte, vielleicht Tausende entdeckten ihre Ähnlichkeit mit der Hanna aus dem Video und berichteten auf Sozialen Medien, hauptsächlich Twitter, von ihren Berufskarrieren: von acht bis zehn Verträgen in Fünfjahreszeiträumen, vom Zuendeschreiben von Dissertationen auf ALG 1 oder mit Geld von den Eltern, dem direkten ALG 2-Bezug nach dem Auslaufen von Stipendien, der vielen Gratisarbeit mit voller Leistung auf halben Stellen und davon, wie gern und, vor allem, mit welcher Selbstverständlichkeit das alles genommen wurde. Die Anzahl einschlägiger Tweets beläuft sich – Stand heute (27.07.2021) – auf mehr als 80.000. Ein Thema, über das nennenswerte Teile des Wissenschaftspolitikbetriebs eigentlich lieber gar nicht reden wollen, ist plötzlich im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit. So sehr, dass übliche Dethematisierungspraxen, derer man sich zunächst ausgiebig bediente (und die es sogar noch einmal in einen Tagesthemenkommentar des Bayerischen Rundfunks schafften), nicht mehr verfingen.

Sichtbar wurde ein System, das zu in erheblichem Maße darauf baute, dass wissenschaftliche Arbeit faktisch zu Teilen gratis ist. Entweder, weil sie ohnehin schon bezahlt ist, bei denen mit den richtigen Stellen (dort gibt es deshalb keinerlei Überstundenvergütungen), oder weil sie ohnehin gemacht werden wird, von denen, die auch die richtigen Stellen wollen. Zweitere schreiben dann Antrag auf Antrag in der Hoffnung, dass irgendwann schon mal einer davon durchkommen wird, Erstere machen das arbeitsrechtlich gesehen anteilig dann auch in ihrer Freizeit. Über Ineffizienz und Kosten dieses Zirkus‘ wurde lange Jahre nicht gesprochen, von niemandem, weil Organisationen es vermochten, ihre Probleme zu Problemen ihrer Beschäftigten und derer, die ihre Beschäftigten werden wollten, zu machen. Und dann auch, weil die Organisationen der Wissenschaft, die Forschungsorganisationen (Max-Planck, Leibniz und Fraunhofer Gesellschaft) und die Universitäten eine gewisse Meisterschaft entwickelt hatten, ihre betrieblichen Risiken zu biographischen ihres wissenschaftlichen Personals zu machen.

#Ichbinhanna machte zudem klar, wie maßlos der Qualifikationsbegriff im Anwendungsrahmen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist. Man kann im Geltungsrahmen dieses Gesetzes schon einmal gut und gerne für 20 Jahre Nachwuchs bleiben. Als in Qualifikation befindlich gelten einfach alle, die den Gral der bebeamteten Professur nicht errungen haben. Damit wird die Professur, also die Führungsposition, zur einzigen Möglichkeit, dauerhaft in der Wissenschaft berufstätig sein zu können. Andere Professionalisierungspfade, die dem reichhaltigen an Hochschulen in Lehre und Forschung zu leistenden Aufgabenspektrum gerecht würden, werden zugunsten einer einzigen Personalkategorie, deren Rekrutierung auf das Vermögen Forschungsmittel einzuwerben, verengt worden ist, entwertet. Dabei wird einer zuschauenden Öffentlichkeit gegenüber zwischen den zwei aus Wissenschaftsperspektive grundverschiedenen Befristungstatbeständen vor und nach einer Promotion nicht mehr unterschieden, es sind einfach alle, von den Führungskräften abgesehen, Nachwuchs. Das Schleifen dieser Unterscheidung erlaubt es, denen, die derzeitige Beschäftigungsbedingungen kritisieren, entgegenzuhalten, dass man schließlich nicht allen, die das wollten, eine Dauerbeschäftigungsperspektive im Wissenschaftssystem geben könne.

Das Problem dabei ist, dass in befristeten Beschäftigungsverhältnissen vor der Promotion vieles zu gewinnen ist, was den Betreffenden außerhalb der Wissenschaft ein Füllhorn an Perspektiven verschafft, nach der Promotion aber nur noch wenig davon. Dann geht es um Meister*innenschaft in hoch-, ja höchstspezialisierten Arbeitsbereichen und es gibt kaum mehr berufliche Felder, die direkt daran anzuschließen vermögen. Die Leute sind, nachdem sie Postdoc- und an disziplinären Relevanzen orientierte Forschungskarrieren durchlaufen haben, nicht mehr ohne weiteres gewinnbringend in gängige Beschäftigungsstrukturen integrierbar. Und das sehen die Universitäten auch fast genauso, andernfalls unternähmen sie nicht in dem beobachtbaren Ausmaß Bemühungen, ihr im Zusammenhang eines volatilen Antragsgeschäfts entstehendes haushalterisches Risiko zum biographischen ihrer Beschäftigten zu machen (s. o.). Hochschulen und Forschungsbetrieb können das, weil wissenschaftliches Interesse und wissenschaftliches Tuen in so weit größerem Maße intrinsisch, nonmonetär, der Sache wegen motiviert ist. Der Wissenschaftsbetrieb ähnelt damit dem Kulturbetrieb und seinen Branchen, die es stets verstanden, von ihren Kreativen Gratisarbeit abzuschöpfen, mit dem Versprechen von Ruhm, Ehre oder Glamour und Klamor.

Was kann Politik in einem Land da tun? Erst recht in solch einem Feld, in dem das Hin- und Herschieben von Verantwortung so zur alltäglich Praxis der dort Politik und Verwaltung Machenden geworden ist? Hier gehört es schließlich zum schlechten Ton, unablässig zu sagen, man selbst sei für nicht so Schönes gar nicht verantwortlich, andere seien das. Das BMBF macht es so, die Länder selbstverständlich auch und die Hochschulen deklamieren ebenso, nicht anders zu können, als sie es täten, weil, Überraschung, Bund und Länder die Verhältnisse so eingerichtet hätten, wie sie seien. Für alle Beteiligten, von den davon Betroffenen abgesehen, ist das bequem. Aber irgendwer muss ja mal anfangen, diese Zirkellogiken zu durchbrechen. Vielleicht könnte Bremen als kleines Land seine bisherige wissenschaftspolitische Verlangweiligungspraxis, die Wissenschaft und Forschung als öden Verwaltungsgegenstand gleichsam auskristallisieren lässt, überwinden und zu einem Land guter wissenschaftlicher Arbeitsbedingungen werden? Ein solcher Standortvorteil könnte Bremer Wissenschaftseinrichtungen mehr Strahlkraft verleihen, als ein kleines Land mit Geld, das es ohnehin nicht hat, bewerkstelligen könnte. Einen Versuch ist das wert, man müsste das nur wollen, einen Plan dafür machen, der dann nach der Bürgerschaftswahl in Angriff genommen werden kann.

Der Zeitpunkt, dass das gelingen kann, ist günstig. Bremens Kern erfindet sich gerade neu, die Stadt spricht mit sich, wie Wissenschaft in ihrem Zentrum eine Rolle spielen kann, ist in diesem Zusammenhang eine zentrale Frage. Das kann nur besser werden, wenn man das nicht nur räumlich denkt, sondern auch stadtlogisch. Erfände sich Bremen als eine Stadt der guten Wissensarbeit neu, wäre das ein Grund zur Freude.

Carsten v. Wissel ist Co-Sprecher der LAG Wissenschaft und Hochschulen

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