Hochwasserschutz Neustadt

Warum sollen die 136 stadtbildprägenden Platanen auf dem linken Weserufer der sog. Stadtstrecke weichen? Warum können sie nicht einfach stehen bleiben, wenn man davor oder dahinter den Deich erhöht? Dafür gibt es viele Gründe.

Der Klimawandel sorgt für einen Meeresspiegelanstieg und zu immer höher auflaufenden Sturmfluten in Nordsee und Unterweser, mit erwarteten Wasserständen in Bremen deutlich über dem der Sturmflut im Februar 1962. Schneeschmelze und Starkregen in den Mittelgebirgen erzeugen zugleich wachsende Gefahren durch den Hochwasserabfluss der Weser, der im März 1981 zum Weserdurchbruch der Neuen Weser führte.

Wenn diese beiden Phänomene zusammenkommen, eine Sturmflut von der Küste drückt Wasser in die Weser, und gleichzeitig kommt Wasser „von oben“ wie beim „Weserdurchbruch“ 1981, dann braucht es Platz für das Wasser und einen Deich, der den Druck aushält.

Die Weserdeiche im Bereich der Bremer Innenstadt müssen deshalb auf bis zu + 8,30 Meter über Normalhöhennull (NHN) erhöht werden. Vor allem in der Neustadt müssen Standfestigkeit, Baumaterial und Neigung der Außenböschung des Deichs für einen stärkeren Wellenangriff und länger andauernde Fluten gerüstet werden.

 

Bäume auf Deichen sind eine Gefahr für den Hochwasserschutz

Der zentrale Aspekt ist die Deichsicherheit. Daran muss sich jede Variante messen lassen! Auf Deichkronen oder gar auf wasserseitigen Deichflanken sind Bäume eine Gefahr für die Sicherheit des Deiches. Wird eine der Platanen bei einer Sturmflut entwurzelt, bricht sie ein großes Stück aus dem Deich heraus, was zu einem Wasserdurchbruch und im schlimmsten Fall zur Überflutung der Neustadt führen kann.

Ihr Wurzelwerk stabilisiert nicht den Deich, im Gegenteil: Bei Sturm rüttelt der Wind an der Krone und bewegt damit den ganzen Baum. Dies überträgt sich auf die Wurzeln, die dabei den Deich auflockern, so dass rund um die Wurzeln kleine Hohlräume entstehen, die sich mit Wasser füllen können. Damit wird der Deich gelockert und obendrein aufgeweicht.

Selbst wenn die Platanen bisher auch starken Winden Stand gehalten haben: Das Risiko entsteht in dem Moment, in dem hohe Wasserstände den Deichkörper aufweichen und die Wurzeln den Bäumen keinen sicheren Halt mehr geben.

 

Deicherhöhung wegen des Klimawandels

Wegen des Klimawandels muss der in Teilen aus Bauschutt (!) bestehende Deich verstärkt werden und perspektivisch um 75 cm erhöht werden. Auch wenn der Deich an der Stadtstrecke heute noch überwiegend hoch genug scheint, seine Standfestigkeit genügt nicht den Anforderungen an sicheren Hochwasserschutz.

Für die Ertüchtigung und künftige Erhöhung des Deichs gibt es nur eine technische Möglichkeit: die Herstellung einer Hochwasserschutzwand im heutigen Deichbereich. Ein neuer Erddeich mit ausreichend flacher Außenböschung scheidet aufgrund der Bebauung gleich hinter der Deichlinie aus.

Notwendige Rammarbeiten für Spundwände contra Platanen

Der Querschnitt der Kleinen Weser darf durch den Deichbau nicht verkleinert werden, damit das Hochwasser auch künftig noch schadlos abfließen kann.

Die zur Deichverstärkung notwendige Spundwand würde daher mit schwerem Gerät relativ nahe vor die heutigen Platanen in den Deich gerammt werden. Dies ist nur nach einem radikalen Kronenrückschnitt der heute bis zu 19 Meter großen Baumkronen möglich.  Große Teile des Wurzelwerks würden durch die Spundwände abgetrennt. Anschließend wird der Raum zwischen Spundwand und Bäumen aufgefüllt. Durch diese Auffüllung drohen die Wurzeln abzusterben. Somit wäre der Baum schlechter versorgt und büßte seine Standfestigkeit ein. Auf lange Sicht würden die Platanen diesen Eingriff nicht überstehen.

Um die Spundwand hinter den Bäumen direkt an der Straße zu rammen, müssten die Baumkronen in gleichem Maße eingekürzt werden. Nachwachsende junge Triebe – sogenannte Klebäste – wären nicht fest mit dem Holz der alten Kronen verwachsen und daher sehr bruchgefährdet. Da die Wurzeln dann bei künftigem Hochwasser „im Nassen stünden“ besteht das Risiko der Entwurzelung mit den Folgen für die Deichsicherheit fort: Entwurzelte Bäume treiben vor die Brücken und verhindern dort den Abfluss des Hochwassers.

Aufenthaltsqualität & lebenswerte Stadtentwicklung mit einer vitalen neuen Baumkulisse

Die Bäume werden möglichst groß und 1:1 an der Stadtstrecke und zusätzlich in der gleichen Anzahl an anderen Stellen der Neustadt nachgepflanzt.

Auf der Stadtstrecke werden große neue Bäume in große Pflanzgruben mit gutem Wurzelsubstrat gepflanzt und können sich daher unter optimalen Wachstumsbedingungen entwickeln. Das Einwachsen in die Hochwasserschutzwand wird durch eine Wurzelsperre verhindert und die Bäume werden in einem großen Abstand zur neuen Hochwasserschutzanlage gepflanzt. So werden auch künftige Unterhaltungsarbeiten am Deich nicht beeinträchtigt. Die Neupflanzung ist damit nachhaltig und gewährleistet, dass das Neustädter Ufer auch in vielen Jahrzehnten noch von einer Baumkulisse geprägt ist.

Bislang ist der Zugang zum Wasser auf der Neustädter Seite nur mit einer geringen Aufenthaltsqualität möglich. Mit der Stadtstrecke wird das besser: Sitzplätze, Flanier- und Radwege, und am Becks-Ufer – dort wo es nachbarschaftsverträglich ist – auch mit weiteren Möglichkeiten der Freizeitnutzung.

 

Transparente und durch große Mehrheiten gestützte Entscheidungen

Die Neugestaltung der Stadtstrecke wurde unter intensiver Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger der Neustadt erarbeitet. Nach einem städtebaulichen Wettbewerb gab es eine Juryentscheidung mit hohem Anspruch an die Qualitäten der Neugestaltung. Auch der Beirat war gleichberechtigt an der Juryentscheidung beteiligt. Der Beirat steht mit großer Mehrheit hinter den aktuellen Planungen.

Am Ende des bisherigen Beteiligungsprozesses stand die Neustädter Deich-Charta, in der die Rahmenbedingungen für die Gestaltung und Nutzung der neuen Stadtstrecke vereinbart wurden, gestützt von Beschlüssen der Deputation des Senats und der Stadtbürgerschaft.