Nutzungsverbote, wie sie CDU und SPD fordern, greifen zu kurz – die Manipulationen durch Plattformen betreffen uns alle.
Franziska Tell, medien-, kinder- und bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft, zur Debatte über ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche:
„Eine Einschränkung der Nutzung von Social Media kann einer von mehreren Bausteinen sein, um das damit teilweise verbundene Suchtrisiko zu reduzieren und die Nutzung einer altersangemessenen Medienbildung insbesondere bei Kindern und Jugendlichen anzupassen. Ein politisches Wettrennen um Altersgrenzen, wie es SPD und CDU derzeit veranstalten, ist dabei aber leider wenig zielführend. Sie fokussieren viel zu sehr auf ein reines Verbot – und vernachlässigen das eigentliche Problem: die dringend notwendige Beschränkung und Regulierung der Plattformen beim geschäftsmäßigen Einsatz von suchtverstärkenden Techniken, gezielt polarisierenden Algorithmen oder manipulativen Push-Benachrichtigungen.
Weil die Sucht- und Manipulationsgefahr nicht allein Kinder und Jugendliche betrifft, sondern alle Social Media nutzenden Menschen, müssen die Betreiber der Plattformen verpflichtet werden, gefährdende, extremistische und pornografische Inhalte zu unterbinden und sichere, transparente Angebote zu schaffen. Solche Begrenzungen sollten auch auf der Basis von – möglicherweise abgestuften – Altersverifikationen möglich sein, wie das für Mediatheken und Apps schon üblich ist. Solche Anwendungen müssen aber die sensiblen und persönlichen Informationen wie Geburtsdaten, biometrische Kennzeichen und Bilder, ganz besonders von Kindern und Jugendlichen, selbstverständlich schützen.
Im jetzt veröffentlichten Vorschlag der SPD fehlt leider jegliche Idee, wie bei einem Verbot in jungen Lebensjahren später ein Einstieg in die digitalen Welten vorbereitet und gestaltet werden soll – das geht ja nicht auf Knopfdruck zur Geburtstagsparty. Gerade junge Menschen erleben die Sozialen Medien schon heute als selbstverständliche Kulturtechnik; nicht als einfach wegzuschließende Werkzeuge oder Drogen. Das werden wir nicht zurückdrehen können! Und auch trotz möglicher Verbote und Zugangshürden müssen die Rechte aller Kinder und Jugendlichen auf Informationen und gleichberechtigte Teilhabe gewahrt bleiben. Es ist zu hoffen, dass die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ der schwarz-roten Bundesregierung deutlich konkreter wird als die derzeit kursierenden parteipolitischen Schlagzeilen dazu.
Die reinen Verbotsvorschläge vernachlässigen auch, dass genau dieselben Suchtprobleme ebenso mit 16, 46 und 66 Jahren greifen können, wenn die Technik sie triggert und bei Betroffenen eine ausreichende Digital- und Medienkompetenz fehlt. Es muss deshalb immer auch um Medienbildung gehen, die alle Menschen befähigt, mit Sozialen Medien, ihren Algorithmen, Inhalten und Techniken verantwortungsvoll umzugehen. Und zu einer nötigen Regulation der Plattformen gehört, dass alle Nutzenden Algorithmen erkennen, verstehen und schlicht jederzeit selbst abstellen können müssen. Nicht zuletzt muss ganz genau definiert werden, wie „Social Media“ im weiten Spannungsfeld von Medienangeboten, technischen Möglichkeiten und persönlicher Lebensgestaltung juristisch und gesellschaftlich verortet und verlässlich behandelt werden kann.“
Eine Mitgliederversammlung unseres Landesverbandes von Bündnis 90/Die Grünen hat im November 2025 ein verbindliches Mindestalter für die Nutzung von Social Media für sinnvoll erachtet und dazu ebenfalls Anforderungen und Voraussetzungen formuliert: https://gruene-bremen.de/2025/11/16/jugendschutz-in-der-digitalen-welt